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„Operation London Bridge“: Das passiert, wenn Queen Elisabeth II. stirbt

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Es sind vier Worte, die ein ganzes Land zum Stillstand bringen werden: „London Bridge is down.“ Mit diesem Satz – auf Deutsch etwa „Die London Bridge ist eingestürzt“ – wird eines Tages ein ranghoher Beamter den britischen Premierminister informieren, dass Königin Elizabeth II. tot ist. In kurzer Zeit wird die Trauer das gesamte öffentliche Leben überschatten. Doch vor allem ist der Code der Auslöser für die „Operation London Bridge“ – denn der Ablauf der Tage nach dem Tod der Queen ist seit Jahren minutiös vorgegeben.

  • „Operation London Bridge“ ist der Codename des Planes, der die Angelegenheiten nach dem Tod von Königin Elisabeth II. regelt.
  • Der Plan entstand ursprünglich in den 1960er Jahren und wird mehrmals im Jahr überarbeitet. 
  • Einige Schlüsselentscheidungen des Planes kamen von der Queen persönlich, andere werden erst von ihrem Nachfolger getroffen. 
Name:Elisabeth II.
Geboren am:21. April 1926 (Alter 95 Jahre), Vereinigtes Königreich
Körpergröße:1,63 m
Ehepartner:Philip, Duke of Edinburgh (verh. 1947–2021)
Kinder:Charles, Prince of Wales 
Andrew, Duke of York
Anne, Princess Royal
Edward, Earl of Wessex

Wer wird wann benachrichtigt, wie wird die Bevölkerung informiert, was geschieht mit Thronfolger Prinz Charles? Verantwortlich sind der Palast sowie die zentrale Regierungsbehörde Cabinet Office, in der es sogar ein eigenes „Bridges“-Referat gibt. Wie einstudiert das Protokoll ist, ließ sich erst Anfang April 2021 beim Tod von Queen-Gatte Prinz Philip erleben – die „Operation Forth Bridge“ lief wie am Schnürchen.

Grundzüge von „London Bridge“ sind spätestens bekannt, seitdem die Zeitung Guardian 2017 umfassend über die Pläne berichtete – die nie vom Palast dementiert wurden. Nun berichtet das Online-Magazin Politico, ihm liege der komplette Ablauf inklusive einiger neuer Details vor. So seien etwa mögliche Corona-Bedingungen eingearbeitet, zudem gebe es genaue Vorschriften für das Verhalten des Regierungsapparats in sozialen Medien.

Dass die Pläne seit Jahren vorliegen und die Queen davon Kenntnis haben dürfte, mag befremdlich anmuten. Doch bei einem Ereignis dieser Dimension, das Auswirkungen auf die ganze Welt haben wird – zumal die Königin Staatsoberhaupt von gut einem Dutzend Staaten, ehemaligen britischen Kolonien, ist – müssen alle Beteiligten genau Bescheid wissen. Ansonsten würde das emotionale Durcheinander für Chaos sorgen. Ähnliches gilt etwa für Medien: Weltweit sind seit Jahren Nachrufe vorbereitet, wie bei anderen Prominenten.

Queen Elisabeth II.
Queen Elisabeth II. ©IMAGO / i Images

Die Queen ist tot: Das ist der Ablauf der „Operation London Bridge“

Der Todestag („Death Day“) selbst wird laut Politico intern „D-Day“ genannt – das britische Äquivalent zum deutschen „Tag X“. Jeder weitere Tag bis zum Begräbnis wird als „D-Day+1“, „D-Day+2“ und so weiter bezeichnet. Sobald die Regierung informiert ist, meldet die britische Nachrichtenagentur PA den Tod der Queen in einer Blitzmeldung, und der Palast veröffentlicht eine offizielle Benachrichtigung. Danach sollen an allen öffentlichen Gebäuden in Whitehall die Fahnen auf halbmast gesenkt werden, Ziel sind maximal zehn Minuten.

Als erster wird der Premierminister Stellung nehmen, und die Royal Family gibt die Pläne für die Beisetzung bekannt, die vermutlich nach zehn Tagen stattfinden wird. Salutschüsse und eine nationale Schweigeminute werden angeordnet, bevor der Premier sich zur Audienz mit dem neuen König trifft – Charles, der älteste Sohn der Queen. Das neue Staatsoberhaupt wird dann, geplant ist 18.00 Uhr Ortszeit, eine Ansprache an sein Volk halten. In der Londoner Kathedrale St. Paul’s findet ein Gedenkgottesdienst statt.

Ein Zeichen der Zeit ist, dass sich viele der unmittelbaren Pläne auf die sozialen Medien beziehen. So ist laut Politico vorgeschrieben, dass die Banner der staatlichen Social-Media-Accounts in schwarz erscheinen und als Profilbild das Behördenwappen verwendet wird. Ministerien dürfen nur noch die wichtigsten Mitteilungen veröffentlichen. Bei Twitter sind ihnen Retweets verboten, bis der Kommunikationschef der Regierung diese freigibt.

Queen Elisabeth II.
Queen Elisabeth II. ©IMAGO / ZUMA Press

Queen Elisabeth II.: Die Tage nach ihrem Tod

Auch die Tage bis zum Staatsbegräbnis sind vorbereitet. Zwar ist Charles von der Sekunde an, in der seine Mutter stirbt, bereits König. Offiziell proklamiert wird er aber erst am nächsten Vormittag – „D-Day+1“. Hunderte von Geheimräten, darunter der Premierminister und ranghohe Minister, werden zu diesem Anlass erwartet.

Am „D-Day+2“ wird der Sarg der Königin, die zuletzt vor allem auf Schloss Windsor bei London residierte, in den Buckingham Palast im Herzen der Hauptstadt überführt.

Wenn die Königin in Sandringham, ihrer Residenz in Norfolk, Ostengland, stirbt, wird ihre Leiche mit einem königlichen Zug zum Bahnhof St. Pancras in London transportiert, wo ihr Sarg vom Premierminister und den Kabinettsministern empfangen wird.

Wenn sie in Balmoral in Schottland stirbt, wird die Operation „Unicorn“ aktiviert, was bedeutet, dass ihre Leiche, wenn möglich, mit dem königlichen Zug nach London gebracht wird. Wenn nicht, wird die Operation „Overstudy“ ausgelöst, was bedeutet, dass der Sarg per Flugzeug transportiert wird. Der Premierminister und die Minister werden an einem Empfang teilnehmen, um den Sarg zu begrüßen.

„D-Day+3“ sieht Charles zu einer Reise durch alle Landesteile aufbrechen. Erster Halt: die schottische Hauptstadt Edinburgh.

„D-Day+4“: König Charles wird in Nordirland eintreffen, wo er im Hillsborough Castle eine Beileidsbekundung entgegennehmen und an einem Gottesdienst in der St. Anne’s Cathedral in Belfast teilnehmen wird.

Queen Elisabeth II. und Charles, Prince of Wales
Queen Elisabeth II. und Charles, Prince of Wales ©IMAGO / PA Images

Am „D-Day+5“ wird die Prozession vom Buckingham Palace zum Palace of Westminster auf einer feierlichen Route durch London stattfinden. Im Anschluss an die Ankunft des Sarges findet in der Westminster Hall ein Gottesdienst statt.

Auch verschiedene Aspekte von „London Bridge“ haben eigene Codenamen. So heißt die Inthronisierung von Prinz Charles „Spring Tide“ (Springflut) und die dreitägige Aufbahrung – „D-Day+6“ bis „D-Day+9“ – der Queen „Feather“ (Feder). Ihr Sarg wird auf einer erhöhten Kiste liegen, die als Katafalk bekannt ist, mitten in der Westminster Hall, die 23 Stunden am Tag für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Für VIPs werden Tickets ausgegeben, damit sie ein Zeitfenster haben.

Währenddessen laufen die Vorbereitungen für die Trauerzeremonie in der Londoner Kathedrale Westminster Abbey auf Hochtouren. Beigesetzt wird die Queen schließlich auf Schloss Windsor in der kleinen König-Georg-VI.-Gedenkkapelle, neben ihrem Mann. Um die Mittagszeit werden landesweit zwei Schweigeminuten eingelegt.

Der Premierminister und die Königin haben vereinbart, dass der Tag des Staatsbegräbnisses ein „Tag der Staatstrauer“ sein wird. Dies hat auch zu Planungsproblemen geführt. Der Tag ist effektiv ein Feiertag, obwohl er nicht als solcher bezeichnet wird. Fällt die Beerdigung auf ein Wochenende oder einen bestehenden Feiertag, wird kein zusätzlicher Feiertag gewährt. Wenn die Beerdigung auf einen Wochentag fällt, plant die Regierung nicht, den Arbeitgebern anzuweisen, den Mitarbeitern den Tag freizugeben – die Dokumente sagen, dass dies eine Angelegenheit zwischen Arbeitnehmern und ihren Mitarbeitern ist.

Queen Elizabeth II.
Queen Elisabeth II. ©IMAGO / i Images

Die Dokumente zeigen das außergewöhnliche Maß an Maßnahmen, das von allen Teilen des britischen Staates erforderlich ist.

Politico

So ist eine gewaltige Sicherheitsoperation geplant, um „beispiellose Menschenmengen und Reisechaos“ zu bewältigen. Hunderttausende werden in die Stadt strömen. Das Online-Portal zitiert aus einem Memo: Der Tod der Queen könne dazu führen, dass London erstmals „voll“ wird.